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  • AutorenbildSonja

Plötzlich Pflegender Angehöriger

Stärkende Gedanken & Tipps für Alle, die sich der Herausforderung "Pflegefall in der Familie" zu Stellen haben.


Halt finden als Pflegender Angehöriger
Halt finden als pflegender Angehöriger

Anfang des Jahres wurde mein Vater zum Pflegefall. Bereits die Jahre zuvor ist sein Alltag beschwerlich geworden und er durfte lernen mit seiner Erkrankung umzugehen. Er konnte nach wie vor alleine in seinem Haus leben. Mehr schlecht als recht, befand ich mit meinem Tochterherz - aber selbständig. Das war meinem Vater sein Leben lang wichtig.


Ich wohne eine Stunde entfernt und so unterstützte ich in erster Linie bei bürokratischen Angelegenheiten (Hausnotruf beantragen, Arzttermine koordinieren, Bankgeschäfte abwickeln, Steuererklärung erstellen etc.). Mehr und mehr wurden weitere Leistungen hinzugezogen wie Essen auf Rädern, einen Alltagshelfer und die Sozialstation für die Grundpflege.


Ich sah mich bis dahin nicht als pflegende Angehörige. Für mich ist es ganz normale Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe in der Familie zu helfen. Das war so selbstverständlich, dass ich nicht gefragt werden musste, sondern mich den augenscheinlichen Problemen einfach annahm.


Pflegender Angehörige auf die Ferne

In dieser Zeit nahm ich an Online-Pflegeseminaren meiner Krankenkasse teil und lernte den Begriff "Distant Care Giver" kennen. Denn ja, auf die Entfernung kann man sehr wohl den Angehörigen viel Unterstützung zu teil werden lassen. Die meisten Dienstleistungen & Aufgaben sind mittlerweile gut online & telefonisch zu organisieren.

Diese Erkenntnis war für mich und innerhalb meines Umfeldes wichtig - Anzuerkennen, dass ich eine neue Rolle hinzugewonnen hatte, die des "pflegenden Angehörigen auf die Ferne".


Dann kam der Tag, der einen Erdrutsch auslöste. Ein Sturz. Mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Die Gewissheit, dass das bisherige Pflegekonstrukt zuhause nicht mehr ausreichen wird. Die Notwendigkeit innerhalb kürzester Zeit einen Pflegeplatz zu bekommen. Die Entscheidung, dass es in meiner Nähe sein wird. Die Organisation der Überbrückungspflege bis der Heimeinzug möglich ist. Letzte gemeinsame Tage in seinem Haus, zum notdürftig Einpacken, Aussortieren, Abschiednehmen. Der Einzug ins Heim. Neue Ärzte finden. Bürokratie erledigen. Erneute Krankenhausaufenthalte etc. Die Liste geht weiter und jeder Betroffene kann sie gut um seine individuelle Geschichte ergänzen.


Der Pflegefall ist mit einer Wucht und Geschwindigkeit eingetreten. Gefühlt lief ich den Ereignissen nur noch hinter. Das Erreichte, über das ich mich heute gefreut habe ("Der Einzug ins Seniorenheim ist geschafft!"), war am nächsten Tag schon obsolet. ("Ihr Vater wurde wieder ins Krankenhaus eingeliefert". Und ich klingelte die Notaufnahmen der umliegenden Krankenhäuser durch, um herauszufinden, wo er war).


Das Leben meines Vaters geriet aus den Fugen, meines auch. Und so wie bei uns geschehen, passiert das täglich unzählige Male in den dann plötzlich betroffenen Familien.



Stabilisierung der Krisensituation mit Methoden aus dem Mental Training

Als Mental Coach beschäftige ich mich intensiv damit, wie Menschen einigermaßen gesund & stabil durch solche extrem fordernden Zeiten kommen.


Ich bin mir in dieser Zeit mein bestes Übungsobjekt zur Stärkung meiner mentalen & emotionalen Kapazitäten in Krisenzeiten geworden. In diesem und den folgenden Beiträgen teile ich mit Ihnen strukturiert Übungen, Gedanken & Einsichten, die mir gut durch die Zeit geholfen haben.


Die Beiträge umfassen die Themen:


  1. Licht ins Dunkel bringen: Mit Klarheit Stabilität gewinnen

  2. Umgang mit starken Emotionen wie Ohnmacht, Wut, Trauer, Angst, Schuld, Zweifel

  3. Die Akkus auftanken & zu einer neuen Normalität gelangen

  4. Abschiednehmen & Loslassen: Gemeinsam ein gutes Ende finden


Ich wünsche mir, dass die Impulse auch Ihnen ein Stück Stabilität und Zuversicht auf Ihrem Weg durch diese herausfordernde Lebensphase vermitteln können.

 


Mit Klarheit Stabilität Gewinnen


3 Tipps, wie Sie als Angehöriger Ruhe & Sicherheit in Ihre Pflegesituation bringen

Das zarte Pflänzchen Zuversicht in herausfordernden Zeiten
Das zarte Pflänzchen Zuversicht in herausfordernden Zeiten

Wenn ein Familienmitglied zum Pflegefall wird, verändert sich das gewohnte Leben als Angehöriger. Es kommen plötzlich zusätzliche Anforderungen von außen und auch innerlich mental & emotional auf Sie zu. Es ploppen Fragestellungen auf, von denen Sie (noch) keine Ahnung haben. Es gilt Entscheidungen zu fällen, die für alle Beteiligten mit Veränderungen & Reibungsschmerzen verbunden sind. Ihr Alltag verändert sich und dreht sich auf einmal sehr stark um Pflegethemen.


Mit den folgenden 3 Tipps erfahren Sie, wie Sie Licht in das chaotische Dunkel einer neu eingetretenen Pflegesituation bringen können, um mit dieser Klarheit Stabilität zu gewinnen. Denn: Am Anfang war schon immer das Licht!


1. Werden Sie Sich Ihrer Neuen Rollen bewusst

Oftmals verläuft der Alterungsprozess der Eltern schleichend. Nach und nach wird mehr Unterstützung notwendig. So fährt man etwas öfter zu ihnen, macht auch mal eine Waschmaschine an, geht mit zum Einkaufen, ruft für einen Arzttermin an, übernimmt den Fahrservice dahin, hilft bei der Steuererklärung oder Bankgeschäften...

Und ehe man sich versieht könnte man einen weiteren Fulltime-Job übernommen haben.

Diese zusätzlichen Aufgaben erhöhen den "Mental Load" den Angehörige bereits eh schon haben (Kindererziehung, anspruchsvolle Vollzeitjobs, voller Terminkalender auch in der Freizeit - you name it).


Nur was Ihnen bewusst ist, können Sie auch ändern!

Bewusstwerden, was gerade alles los ist - Ihre neuen Rollern

Setzen Sie sich also mal hin und schreiben Sie auf welche neuen "Rollen" durch die Pflegesituation in Ihr Leben getreten sind. Das kann graduell über die Monate passiert sein oder von heute auf morgen.


Mögliche neue Rollen können sein:

  • Haushalts- / Gartenhilfe (Wie sieht denn das Bad aus? Das Bett könnte auch mal wieder abgezogen werden. Na, mache ich mal schnell. So, und jetzt noch schnell die Waschmaschine anmachen, so lange ich da bin, dann kann ich die Wäsche auch gleich noch aufhängen...)

  • Seelsorger/Therapeut für die Eltern, denn natürlich ist es für sie schwer sich einzugestehen, wenn das gewohnte Leben nicht mehr eigenständig funktioniert. Da wird verständlicherweise mit dem Schicksalsschlag von Krankheiten gehadert. Es werden Entscheidungen bedauert, die sie nicht getroffen haben um in der jetzigen Situation weiter zuhause bleiben zu können. Da ist emotionaler Zuspruch und einfach mal ein Ohr gewünscht.

  • Pflegender ("Kannst Du mir nicht die Haare schneiden, dann muss ich nicht zum Friseur". Wie trocken sehen denn die Beine von Mama aus? Na, ich creme sie mal ein. Wann hast Du eigentlich die Socken gewechselt, komm' ich helfe Dir mal..)

  • Medizinische Laien-Fachkraft ("Kannst Du mal meinen Zeh anschauen, der tut weh: Oh, ein Hühnerauge. "Kannst Du mal in meinen Mund schauen, der Zahn ist abgebrochen". Guck Du doch mal im Internet, was der Hautausschlag sein könnte.")

  • Verwaltungsfachangestellte für die Kommunikation mit Kranken- und Pflegekassen, Ärzten, Apotheken, Pflegediensten, Krankenhäusern, Behörden etc.

  • Kommunikationszentrale für sämtliche Belange. Neben Dienstleistern und Behörden werden Sie auf einmal auch das Sprachrohr zur Familie, Geschwistern, Freunden & Bekannten der Eltern ("Sie würde sich ja schon melden, wenn was mit den Eltern ist". Hmm, dann geb' ich mal Bescheid, dass der Vater wieder im Krankenhaus ist. "Wir wollten mal hören, wie es ihm geht"..)

  • Change Manager durch den Veränderungsprozess. (Laß' uns mal eine Patienten- und Betreuungsverfügung aufsetzen! Wollen wir uns nicht mal nach Betreutem Wohnen umschauen? Was, Du bist schon wieder gestürzt, also jetzt brauchst Du unbedingt einen Hausnotruf! Dein Testament solltest Du jetzt auch mal in Angriff nehmen. Welche Möbel willst Du mitnehmen? Wie willst Du eigentlich mal beerdigt werden? )


Schon beeindruckend, was da auf Ihrer Liste auf einmal an neuen Jobs zusammenkommt, die Sie nun übernommen haben. Und vermutlich wurden Sie noch nicht einmal gefragt, ob Sie die überhaupt übernehmen möchten?


(An)erkennen Ihrer Rollen

Lassen Sie Ihre Liste mal auf sich wirken. Das darf mal richtig bei Ihnen ankommen, was Sie mittlerweile alles an Aufgaben übernommen haben und leisten.

Geben Sie sich selbst volle Anerkennung, was Sie momentan leisten!

Die unzähligen Dinge, die Ihr Umfeld nicht unbedingt mitbekommt, denn im Job, in der Familie, im Freundeskreis funktioniert alles auch weiterhin. Auch wenn Sie jetzt ab und zu früher oder später anfangen, um noch einen Termin für Ihre Eltern zu koordinieren. Oder doch mal privat ans Telefon gehen müssen während der Arbeit, weil ein Arzt oder der medizinische Gutachter der Pflegekasse anruft.

Erkennen Sie Ihre Leistung an. Wenn Sie realisieren, was Sie alles leisten, dann können Sie "selbstbewusst" darüber kommunizieren und Rollen anpassen.


2. Verantwortung abgeben: holen Sie Sich Unterstützung

Wie Sie vermutlich beim vorherigen Punkt festgestellt haben, sind etliche Rollen auf Sie zugekommen. Sind Sie gefragt worden, ob Sie sie übernehmen möchten? Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.


Überprüfen Sie Ihre Rollen

Nehmen Sie Ihre Rollen- (Aufgaben)liste zur Hand und prüfen sie mit der Fragestellung:


  • Möchte ich diese Rolle / Aufgaben machen? Bin ich genügend qualifiziert?

  • Welche Rollen / Aufgaben will ich delegieren? An wen?


Im ersten Moment denken Sie vielleicht. Ich kann da nichts abgeben. Vielleicht ist auch die Erwartungshaltung Ihrer Eltern, dass Sie das einfach am Besten machen, Sie ja schon eingearbeitet sind. Ja, wie bequem, denn Sie kennen sie, Ihnen vertrauen sie, verständlich, dass sie sich das wünschen würden. Aber:


Ihre Energie ist begrenzt. Damit Sie auch die Langstrecke der Pflegesituation schaffen, ist es essentiell dass Sie Verantwortung abgeben. Gut, darf in diesem Fall auch mal, gut genug sein.

Für viele Aufgaben gibt es Dienstleister

  • Haushalts- , Garten-, Alltagshilfen

  • Seelsorge, Therapeuten,& Besuchsdienste

  • Fahr- und Begleitservice zu Terminen

  • Friseur, Fußpflege, Pflegedienste, 24h Kräfte

  • Gesetzliche Betreuer, die gegen Entgelt die bürokratischen Aufgaben übernehmen (natürlich in Absprache mit der Familie).


Unterstützung können Sie sich in der Familie holen. Bei Freunden, Bekannten & den Nachbarn der Eltern. Dem großen Feld an professionellen Dienstleistern und Beratungsstellen. Ich habe mich mehrmals von der Pflegeberatung der Krankenkasse meines Vaters bei ihm persönlich vor Ort beraten lassen. Es gibt Pflegeberatungsstützpunkte in ganz Deutschland verteilt, an die Sie sich wenden können. Und ich fand auch die kostenlosen Online-Seminare zu Pflegethemen meiner Krankenkasse unheimlich wertvoll.


Exkurs: Die alten Geschwisterrollen

Haben Sie Geschwister? Falls ja, kann das ein Segen oder Fluch sein.

Kommen Sie gut miteinander aus und hatten Sie beide ein gutes Verhältnis mit Ihren Eltern, dann besteht eine Chance, dass Sie sich die anfallenden Aufgaben tatsächlich aufteilen können. Wenn das so ist "Herzlichen Glückwunsch". Unterstützung aus der Familie ist Gold wert und erleichtert die unzähligen großen und kleinen Entscheidungen, die es zu treffen gilt.


Leider treten durch die eintretende Pflegesituation häufig alte Familienkonflikte & - konstellationen wieder zutage. Sie rutschen in altes Rollenverhalten zurück. Das kann z.B. sein

  • Du warst schon immer die Lieblingstochter!

  • Du hast damals XYZ bekommen, jetzt musst Du halt auch was dafür machen.

  • Wir sind mit unseren Kindern beschäftigt. Du hast keine Kinder und kannst Dich kümmern.

  • Wir wohnen 400km weg. Du nur 'ne Stunde.

  • Deine Schwester dürfen wir damit nicht belasten.


Ah okay, denken Sie sich. Wo ein Wille...

Es ist gut möglich, dass sich also neben der Bewältigung der Pflegesituation alte Risse zwischen Geschwistern wieder auftun und sich hier gefühlt eine weitere Front öffnet, an der Sie argumentieren und sich positionieren dürfen. Zusätzlich an Fahrt nimmt dieses Minenfeld der Ungleichbehandlungen und Verletzungen aus der Kindheit auf, wenn es dann auch noch um Testament & Erbe geht.


Neben den neuen Pflegerollen gilt es auch die alten Geschwisterrollen zu hinterfragen. Sind diese aktuell hilfreich in Ihrer Pflegesituation?

Falls die Familiendynamik zu konfliktträchtig ist und Sie nur zusätzlich belastet, erwägen Sie einen Familienmediator hinzuzuziehen. Neben der Pflegesituation werden Sie auch noch die Erbsituation & Hinterlassenschaften der Eltern mit Ihren Geschwistern regeln dürfen. Es ist gut, wenn mit ihnen konstruktive Gespräche möglich bleiben.


3. Charmant Grenzen setzen

Rollt im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Rolle auf Sie zu? Es ist wie ein Automatismus, dass zusätzliche Aufgaben immer bei Ihnen landen?

Vor allem jetzt in der Pflegesituation ist es wichtig, dass Sie es schaffen einen Moment innezuhalten. Sich Bedenkzeit verschaffen. Raus aus dem Stress- und Hamsterradmodus kommen, um mit klarem Kopf zu entscheiden, ob das jetzt wirklich Ihr Job ist. Oder nicht.

"Ich fühle mich hier nicht zuständig".

Probieren Sie deswegen bei der nächsten Aufgabe, die an Sie heran getragen wird aus, sich den Satz "Ich fühle mich hier nicht zuständig" innerlich prophylaktisch aufzusagen. Er bremst den ersten Impuls sich noch mehr aufzuladen. Er lenkt das Denken in Richtung "Wer kann es stattdessen übernehmen? Wer ist hier richtigerweise zuständig?".


Der Satz darf natürlich auch laut ausgesprochen werden. Den Eltern gegenüber, den Geschwistern... Er hilft Automatismen zu unterbrechen und regt alle Beteiligten an, zu hinterfragen, wer hier wirklich zuständig ist (wenn die Person, die es doch immer war, es auf einmal nicht mehr ist! ;-) )


Dieser Satz und noch 49 weitere hilfreiche Sätze, finden Sie in meinem Buchtipp "50 Sätze, die das Leben leichter machen" von Karin Kuschik.


 

Coming soon: Beiträge für pflegende Angehörige zu den Themen:

  • Umgang mit starken Emotionen wie Ohnmacht, Wut, Trauer, Angst, Schuld, Zweifel

  • Die Akkus auftanken & zu einer neuen Normalität gelangen

  • Abschiednehmen & Loslassen: Gemeinsam ein gutes Ende finden

 

Ich wünschen Ihnen viel Erfolg & Klarheit beim Erkennen & Hinterfragen Ihrer Rollen!

Welche Rollen haben Sie bei sich entdeckt? Konnten Sie Aufgaben abgeben?

Hinterlassen Sie mir gerne einen Kommentar!

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